Ich komme ja ursprünglich weniger aus der Geschlechterforschung, sondern mehr aus dem psychologischen Handwerk: Meine Mutter ist Seelenklempnerin, genauer kognitive Verhaltenstherapeutin, somit habe ich Methode und Literatur in meiner Nähe, somit ein bisschen Ahnung von der Materie und kaum gelernt, anders zu denken als in Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmustern. „Ein Mensch ist nicht, sie verhält sich; ein Mensch erkennt nicht, er nimmt wahr“, könnte verkürzt gesagt werden.
Dem gequeerten Leser_In wird nun auffallen, dass das gewisse Parallelen zu den Konzepten „doing gender“ und „gender perception“ evoziert: Ein Mensch hat kein Geschlecht, sie tut es, erschafft es durch bestimmte Verhaltensweisen. Ebenso erkennt niemensch das Geschlecht des Gegenübers, sondern nimmt am Gegenüber ein Geschlecht wahr. Feine, aber wichtige Unterscheidung, weil erst dadurch die Flexibilität der Kategorie „Geschlecht“ auf interpersoneller Ebene klar wird: Potenziell können drei verschiedene Menschen an ein und derselben Person drei verschiedene Geschlechter wahrnehmen, potenziell kann jede_r sich in jeweils verschiedenen Situationen als ein anderes Geschlecht verhalten. Potenziell, wohlgemerkt, da jede Wahrnehmung und jede Verhaltensweise eingeübt ist, biographisch gewachsen und nicht mal eben im Handstreich verlernbar, da im Unbewussten verankert. Soll Verhalten verändert werden, das „doing gender“ ausgehebelt werden, ist also Arbeit am selbst angesagt, und ich meine, kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist aufgrund der ähnlichen Prämissen zu diesem Zweck ausschlachtbar.
Ich hangle mich jetzt einfach mal am Wikipedia-Artikel entlang und versuche zu zeigen, inwieweit männliche Hegemonie und Sexismus in Kategorien der KVT fassbar sind, um daraus mögliche Gegenstrategien zu entwickeln.
Erst einmal eine Definition durch Beispiel, um eine Vorstellung der Begriffsspanne zu vermitteln: „Kognitionen umfassen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen.“
„Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählen zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, die Introspektion, der Wille, das Glauben und einige mehr.“
Kurz könnte man den Begriff der Kognition vielleicht als Überbegriff für Denken und Fühlen erklären, wobei allerdings keine klare Trennung von rational/emotional stattfindet, sondern vielfache, ungeordnete Verknüpfung dieser beiden Aspekte angenommen wird.
Weiter im Text mit einem (nicht detaillierten) Abriss der Methodik von KVT:
A – Bewusstmachung von Kognitionen
Bedeutet im Klartext, dass die Unordnung und potenzielle Fehlerhaftigkeit des eigenen Denkens anerkannt wird. Wie die Erfahreneren im Umgang mit Privilegierten wissen, tun das diese genau nicht, sondern beharren auf der Objektivität und Wissenschaftlichkeit ihres Denkens. Ich schätze, dass ein Verweis auf Kognitionswissenschaft in solchen Fällen ab und zu helfen könnte, aber letztendlich ist der einzige Weg zur Überwindung dieser Arroganz (als solche benenne ich den Absolutheitsanspruch der eigenen Denke) Eigenmotivation des Privilegierten. Dazu, wie man Menschen zu sowas motivieren könnte, später ein eigener Post im Bereich Hypothetik.
B – die Überprüfung von Kognitionen und Schlussfolgerungen auf ihre Angemessenheit
Oder auch: Untersuchung der eigenen Persönlichkeit auf unbewusste Inkohärenz und Arschlochdenke. In dem Sinne, dass unangemessenes Denken und Fühlen nach Äußerung oft die Sortierung in diese Schublade nach sich zieht. „Angemessenheit“ stellt natürlich auch die Frage nach dem Maßstab, der angelegt wird, der zwar nicht-hegemoniale Männlichkeit* sein kann, aber meist ist er, je nach politischer Richtung, dicke Karre (insofern der Situation angemessen, als „jeder den eigenen Vorteil verfolgt“) oder Bakunin (insofern angemessen, als „die Ungerechtigkeit des Systems seine unbedingte Überwindung erfordert“). Der Maßstab gewaltfreier, also Bündnissituationen angemessener, zwischenmenschlicher Interaktion, bleibt hinter den „harten“, „gesamtgesellschaftlichen“ Themen zurück. Aber mehr dazu weiter unten…
C – die Korrektur von irrationalen Einstellungen
Im Sinne von Ersetzen offengelegter falscher Annahmen („Ich darf zu allem ungefragt meinen Senf geben, denn ich in Experte!“, z.B.) durch realitätsnähere Einstellungen („Ich weiß viel über Thema X, bei anderen Themen höre ich aber lieber erstmal zu und stelle Fragen. Auch bei Thema X kann es Erfahrenere geben“). Dass eine falsche Annahme ersatzlos gestrichen werden kann, hegemoniale Denke also einfach gelöscht werden könnte, ist ein häufiger Irrtum – die Erfahrungen aus der Therapie zeigen, dass ein alternatives Denkmuster eingeübt werden muss, das ganze also mit nicht-hegemonialer Denke überschrieben werden muss. Neue Denkmuster entwickeln ist also nicht ganz unwichtig, wenn mann* das mit dem Feminismus ernst nimmt, Kritik am Hegemonialen ist also vermutlich nur ein erster Schritt.
D – Transfer der korrigierten Einstellungen ins konkrete Verhalten
Nunja, es folgt die Übertragung der neuen Denkmuster in neue Verhaltensmuster. Nur zu denken, mann* solle mehr Fragen stellen und besser zuhören, ist logischerweise ziemlich wertlos, wenn mann* es nicht tut. Da mann* das nach hegemonial männlicher Sozialisation das aber nicht besonders gut kann, muss es geübt werden und zwar nicht nur, wenn Feministinnen* anwesend sind. Ich fordere noch einmal die Gründung von Gesprächsgruppen für Männer*, dass Männer* miteinander beim Bier (Stammtischklischee, I know) über Hegemonie reden und untereinander nicht-hegemoniales Redeverhalten einüben. Fun Experience: Es wertet Diskussionen subjektiv beträchtlich auf, wenn mann* nicht-hegemonial kommuniziert statt konkurriert.
Somit also die Vorgehensweise der KVT und wie sie gegen männliche Hegemonie eingesetzt werden könnte – Arbeit am Einzelnen, am Mikropatriarchen quasi, wobei die Makroanalyse männlicher Hegemonie den Maßstab setzt und die Arbeitsrichtung vorgibt. Der Mikropatriarch muss allerdings diese Arbeit zulassen, was die erste Schwierigkeit der Prozedur ausmacht, und er kann nur Stück für Stück in ein sich angemessen verhaltendes Wesen transformiert werden, was die Prozedur stark in die Länge ziehen kann. Eine Detailbetrachtung dieser hegemonialen Stückchen (Kotzbröckchen?), also hegemonialer und sexistischer Denkmuster, im Folgenden anhand typischer „Denkfehler“, die der KVT begegnet sind:
1. Willkürliche Schlussfolgerungen: ohne sichtbaren Beweis oder sogar trotz Gegenbeweisen werden willkürlich Schlussfolgerungen gezogen. Typischer Fall: Victim Blaming im Fall DSK: „Sie hat mit ihm geschlafen, um ihn hinterher zu verklagen“, „Ihr Freund ist im Gefängnis, also ist sie nicht glaubwürdig“. Würden solche Aussagen nicht unendlich variiert und reproduziert, sie würden Gelächter statt Zustimmung hervorrufen. Logik hilft.
2. Übergeneralisierung nach dem Muster: aufgrund eines Vorfalls wird eine allgemeine Regel aufgestellt, die unterschiedslos auf ähnliche und unähnliche Situationen angewendet wird. Typischer Fall: Sogenannter „Nice Guy“ denkt sich: „Eine Frau hat mich verschmäht, alle Frauen sind scheiße.“ Allgemeiner: „Ich habe das so erlebt/gedacht, also erleben/denken das alle so.“ Letzteres verhindert jegliches kohärentes Bild einer realen Gesellschaft. Kategorisierung und über Menschen reden ist selten angemessen, mit Menschen in den Dialog treten schon. Ihnen die Welt herrklären erachte ich nicht als solchen.
3. Dichotomes Denken: Denken in Alles oder Nichts-Kategorien. Typischer Fall: „Ich verstehe (Subtext: alle) Frauen; ich verstehe (ST: alle) Frauen einfach nicht.“ Allgemeiner: Freund-/Feind-Denken, Othering, „Entweder das Eine oder das Andere, dazwischen gibt es nichts“, „Wir sind die Guten“. Wer so denkt kann sich meist nur mit Gleichgesinnten verständigen; auch in Kreisen sehr verbreitet, die die (ST: andere) Gesellschaft kritisieren, von der sie sozialisationsbedingt Teil sind. Denken in miteinander kombinierbaren Wissensmodulen, die Netze bilden, hat sich in meinem Fall als besser erwiesen, als zu versuchen, alles in binäre Modelle zu quetschen. Das verständlich zu machen, werde ich woanders versuchen…
4. Personalisierung: Ereignisse werden ohne klaren Grund auf sich selbst bezogen, gerade in (Liebes-)Beziehungen von Belang: „Du kritisierst mein Verhalten, also liebst du mich nicht mehr“ ist oft ein effektives Mittel um von begründeter Kritik abzulenken. Die Liebe kann ja schließlich jeden Sexismus aushalten. *kotz* Hab den Trick zu oft selbst gebracht, um nicht einen Blogbeitrag darüber zu schreiben, dort das Problem von gewalttätigen Beziehungen zu sezieren und Verhaltensstrategien vorzuschlagen
5. Selektive Abstraktion: Einige Einzelinformationen werden verwendet und überbetont, um eine Situation zu interpretieren. Damit werden bestimmte Informationen auf Kosten anderer überbewertet. Typisch wiederum bei Victim Blaming und der derailing-Mechanismus: Im ersten Fall tritt die Frage nach der Verantwortung der Täter in den Hintergrund, indem die des Opfers sowie Details (Kleidung, Gegenwehr…) in den Vordergrund geschoben werden. Im zweiten Fall werden wahllos Sätze herausgepickt und darauf aufbauend Abstraktionen gesponnen, die nichts mit dem Ursprungsthema zu tun haben, oft Grundsatzdebatten geführt. Ich werde demnächst ein paar Trolle ausstellen und das Gegenmittel an ihnen demonstrieren.
6. Maximieren und Minimieren: Negative Ereignisse werden übertrieben und positive Ereignisse untertrieben. Typisch Masku: „Ich bin benachteiligt, weil ich nicht Erziehungsberechtigt bin, völlig egal, ob ich den besser bezahlten Job habe.“ First World Problems insgesamt. Macht Probleme anderer klein und die eigenen groß. „Harte“ und „weiche“ politische Themen werden so eingeteilt. Zuhören (auch das will gelernt sein) und Beschäftigung mit richtigen Problemen scheinen zu helfen.
6.1 Katastrophisieren: Das Eintreffen oder die Bedeutung von negativen Ereignissen wird stark überbewertet. Typisch: „Wenn gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wird, bedeutet das Sittenverfall und die Welt geht unter!“ oder „Die Männlichkeit ist in der Krise!“ Beliebt in Schlagzeilen und in politischen Kampagnen jeder Couleur. Problematisch, weil jede_r, der zur Gelassenheit mahnt, automatisch die „Katastrophe!“ in Kauf nimmt, ergo vollkommen wahnsinnig sein muss.
7. Emotionale Beweisführung: Das Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit der Gedanken genommen. Typischer Fall: „Ich fühle mich diskriminiert, also gibt es Klassismus/Rassismus/Sexismus gegen Reiche/Weiße/Männer.“ Entwertet die Aussagen der Betroffenen des gesamtgesellschaftlichen Problems, weil der*die Privilegierte die Dimension der einmaligen Beleidigung nicht mit wirklichem Rassismus in Verhältnis setzen kann. Mit Privilegiertengefühlen kann mann* aber umgehen: Was wäre ich schließlich für ein Mann*, wenn ich wegen sowas rumheulen würde? *logiklooping*
8. Etikettierung: Aus einer Handlung wird ein umfassender Sachverhalt gemacht. Typus selbsterklärter Freiheitskämpfer (aka „Experte“ für Freiheit): „Du möchtest, dass X nicht mehr geschieht, es verbieten, also bist du ein Feind der freiheitlich-demokratischen Grundordnung/Faschist.“ Angemessen wäre Diskussion über das Für und Wider der Freiheit, X zu tun, statt dem Gegner von X so den Mund zu verbieten. Und anzuerkennen, dass die „Freiheit“ zur gewalttätigen Grenzüberschreitung keinem Menschen gebührt, sondern Feldhamstern („Feldherren“ klingt zu imposant, um es nicht zu hamsterfizieren).
9. Gedankenlesen: Man(n*) meint ohne nachzufragen, die Gedanken der anderen zu kennen. Typisch: „Du bist Feministin, also denkst du, dass Hetensex böse ist“, „Du bist Kommunist, also willst du die DDR zurück“. So häufig, dass ich politischer (Selbst-)Bezeichnung zumindest kritisch gegenüberstehe und Diskussion über konkrete Agenda vorziehe. They‘re trying to read my mind *tinfoil hat*
10. Tunnelblick (selektive Aufmerksamkeit): Jemand sieht nur einen bestimmten Aspekt seines gegenwärtigen Lebens. „Sexismus und Rassismus sind Nebenwidersprüche/gehören der Vergangenheit an. Es gibt wichtigeres“, ist die typische Äußerung dessen. Der Tunnelblick selbst ist ein Privileg derjenigen, die nicht betroffen sind. Auch der Fokus auf gesellschaftspolitische Probleme kann aber als Tunnelblick gelesen werden, sofern er aus der gebildeten Mittelschicht heraus verlangt, dass die Unterdrückten* sich wehren/besser verhalten und dabei ihr unmittelbares Interesse und Begehren (Selbsterhalt?) ignoriert.
Im Sinne dieses letzten Punktes ist dieser Text selbst problematisierbar; ich sehe in meiner Sprechposition und Wahrnehmung von Privilegien, bzw. in ihrer Benennung als solche die Äußerung eines Klassenprivilegs – ist solch ein Text, solch eine gesellschaftskritische Positionierung ohne gymnasiale bis akademische Bildung überhaupt verständlich? Und was bedeutet es für Politik, für politische Theorie, wenn dem so ist? Dieser Gedankengang wird wohl in einen anderen Blogeintrag münden…
Zum Abschluss noch Erläuterungen: Ich habe die Beispiele für hegemoniale Denk- und Sprachmuster aus verschiedenen Teilen des politischen Spektrums gewählt, um zu verdeutlichen, dass Hegemonien nicht mal eben vor der Tür bleiben, wenn jemensch etwas gegen sie hat, sie leugnet, sie kritisch hinterfragt oder versucht, sie wegzudefinieren. Hegemonie äußert sich in konkreten Verhaltensweisen, immer und überall, und muss konkret bearbeitet werden. Zu dieser Arbeit möchte ich mit der obigen (möglicherweise optimierbaren und höchst diskutablen) Auflistung hegemonialer Denkmuster einen Ansatz liefern, um diese bei sich selbst zu bearbeiten. A hint: use it as a checklist. Vermutlich jede_r des Verständnisses dieses Texts fähige denkt in solchen Mustern oder hat es getan – wer sich trotz Privilegien nicht in mindestens einem Punkt wiedererkannt hat, sollte vermutlich stärker sich selbst beobachten oder ist im unwahrscheinlichsten aller Fälle Post-Hegemony. Glauben würde ich ihm*ihr Letzteres aber nicht.
Mit Extremismustheorie hat das Ganze nichts zu tun – das dahinter stehende Politikmodell ist komplexer als das Hufeisenförmchen, dessen sich Anhänger dieser Theorie in ihrem Sandkastenweltbild bedienen. *knirsch*
Auch ist das hier kein Pathologisierungsversuch im Sinne der Anti-Psychiatriebewegung. Nach deren Theorie bedürfte es einer gewalttätig durchsetzbaren Norm, während ich (hoffentlich ohne hegemoniale Gewalt) Verhaltensvorschläge mache, die ausdrücklich diskutiert werden sollten.
Zur besseren Benutzung habe ich die Zahlen angebracht, die kein Ausdruck von Hierarchisierung sind. Ich kann das. Ihr könnt sie benutzen. Wisstschon. Danke fürs Lesen, Erklärungen wie immer auf Anfrage. Kthxbye.