Denkmuster der Männlichkeit* – Ist Hegemoniales therapierbar?

Ich komme ja ursprünglich weniger aus der Geschlechterforschung, sondern mehr aus dem psychologischen Handwerk: Meine Mutter ist Seelenklempnerin, genauer kognitive Verhaltenstherapeutin, somit habe ich Methode und Literatur in meiner Nähe, somit ein bisschen Ahnung von der Materie und kaum gelernt, anders zu denken als in Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmustern. „Ein Mensch ist nicht, sie verhält sich; ein Mensch erkennt nicht, er nimmt wahr“, könnte verkürzt gesagt werden.
Dem gequeerten Leser_In wird nun auffallen, dass das gewisse Parallelen zu den Konzepten „doing gender“ und „gender perception“ evoziert: Ein Mensch hat kein Geschlecht, sie tut es, erschafft es durch bestimmte Verhaltensweisen. Ebenso erkennt niemensch das Geschlecht des Gegenübers, sondern nimmt am Gegenüber ein Geschlecht wahr. Feine, aber wichtige Unterscheidung, weil erst dadurch die Flexibilität der Kategorie „Geschlecht“ auf interpersoneller Ebene klar wird: Potenziell können drei verschiedene Menschen an ein und derselben Person drei verschiedene Geschlechter wahrnehmen, potenziell kann jede_r sich in jeweils verschiedenen Situationen als ein anderes Geschlecht verhalten. Potenziell, wohlgemerkt, da jede Wahrnehmung und jede Verhaltensweise eingeübt ist, biographisch gewachsen und nicht mal eben im Handstreich verlernbar, da im Unbewussten verankert. Soll Verhalten verändert werden, das „doing gender“ ausgehebelt werden, ist also Arbeit am selbst angesagt, und ich meine, kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist aufgrund der ähnlichen Prämissen zu diesem Zweck ausschlachtbar.

Ich hangle mich jetzt einfach mal am Wikipedia-Artikel entlang und versuche zu zeigen, inwieweit männliche Hegemonie und Sexismus in Kategorien der KVT fassbar sind, um daraus mögliche Gegenstrategien zu entwickeln.
Erst einmal eine Definition durch Beispiel, um eine Vorstellung der Begriffsspanne zu vermitteln: „Kognitionen umfassen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen.“
„Zu den kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zählen zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die Erinnerung, das Lernen, die Kreativität, das Planen, die Orientierung, die Imagination, die Argumentation, die Introspektion, der Wille, das Glauben und einige mehr.“
Kurz könnte man den Begriff der Kognition vielleicht als Überbegriff für Denken und Fühlen erklären, wobei allerdings keine klare Trennung von rational/emotional stattfindet, sondern vielfache, ungeordnete Verknüpfung dieser beiden Aspekte angenommen wird.

Weiter im Text mit einem (nicht detaillierten) Abriss der Methodik von KVT:

A – Bewusstmachung von Kognitionen
Bedeutet im Klartext, dass die Unordnung und potenzielle Fehlerhaftigkeit des eigenen Denkens anerkannt wird. Wie die Erfahreneren im Umgang mit Privilegierten wissen, tun das diese genau nicht, sondern beharren auf der Objektivität und Wissenschaftlichkeit ihres Denkens. Ich schätze, dass ein Verweis auf Kognitionswissenschaft in solchen Fällen ab und zu helfen könnte, aber letztendlich ist der einzige Weg zur Überwindung dieser Arroganz (als solche benenne ich den Absolutheitsanspruch der eigenen Denke) Eigenmotivation des Privilegierten. Dazu, wie man Menschen zu sowas motivieren könnte, später ein eigener Post im Bereich Hypothetik.

B – die Überprüfung von Kognitionen und Schlussfolgerungen auf ihre Angemessenheit
Oder auch: Untersuchung der eigenen Persönlichkeit auf unbewusste Inkohärenz und Arschlochdenke. In dem Sinne, dass unangemessenes Denken und Fühlen nach Äußerung oft die Sortierung in diese Schublade nach sich zieht. „Angemessenheit“ stellt natürlich auch die Frage nach dem Maßstab, der angelegt wird, der zwar nicht-hegemoniale Männlichkeit* sein kann, aber meist ist er, je nach politischer Richtung, dicke Karre (insofern der Situation angemessen, als „jeder den eigenen Vorteil verfolgt“) oder Bakunin (insofern angemessen, als „die Ungerechtigkeit des Systems seine unbedingte Überwindung erfordert“). Der Maßstab gewaltfreier, also Bündnissituationen angemessener, zwischenmenschlicher Interaktion, bleibt hinter den „harten“, „gesamtgesellschaftlichen“ Themen zurück. Aber mehr dazu weiter unten…

C – die Korrektur von irrationalen Einstellungen
Im Sinne von Ersetzen offengelegter falscher Annahmen („Ich darf zu allem ungefragt meinen Senf geben, denn ich in Experte!“, z.B.) durch realitätsnähere Einstellungen („Ich weiß viel über Thema X, bei anderen Themen höre ich aber lieber erstmal zu und stelle Fragen. Auch bei Thema X kann es Erfahrenere geben“). Dass eine falsche Annahme ersatzlos gestrichen werden kann, hegemoniale Denke also einfach gelöscht werden könnte, ist ein häufiger Irrtum – die Erfahrungen aus der Therapie zeigen, dass ein alternatives Denkmuster eingeübt werden muss, das ganze also mit nicht-hegemonialer Denke überschrieben werden muss. Neue Denkmuster entwickeln ist also nicht ganz unwichtig, wenn mann* das mit dem Feminismus ernst nimmt, Kritik am Hegemonialen ist also vermutlich nur ein erster Schritt.

D – Transfer der korrigierten Einstellungen ins konkrete Verhalten
Nunja, es folgt die Übertragung der neuen Denkmuster in neue Verhaltensmuster. Nur zu denken, mann* solle mehr Fragen stellen und besser zuhören, ist logischerweise ziemlich wertlos, wenn mann* es nicht tut. Da mann* das nach hegemonial männlicher Sozialisation das aber nicht besonders gut kann, muss es geübt werden und zwar nicht nur, wenn Feministinnen* anwesend sind. Ich fordere noch einmal die Gründung von Gesprächsgruppen für Männer*, dass Männer* miteinander beim Bier (Stammtischklischee, I know) über Hegemonie reden und untereinander nicht-hegemoniales Redeverhalten einüben. Fun Experience: Es wertet Diskussionen subjektiv beträchtlich auf, wenn mann* nicht-hegemonial kommuniziert statt konkurriert.

Somit also die Vorgehensweise der KVT und wie sie gegen männliche Hegemonie eingesetzt werden könnte – Arbeit am Einzelnen, am Mikropatriarchen quasi, wobei die Makroanalyse männlicher Hegemonie den Maßstab setzt und die Arbeitsrichtung vorgibt. Der Mikropatriarch muss allerdings diese Arbeit zulassen, was die erste Schwierigkeit der Prozedur ausmacht, und er kann nur Stück für Stück in ein sich angemessen verhaltendes Wesen transformiert werden, was die Prozedur stark in die Länge ziehen kann. Eine Detailbetrachtung dieser hegemonialen Stückchen (Kotzbröckchen?), also hegemonialer und sexistischer Denkmuster, im Folgenden anhand typischer „Denkfehler“, die der KVT begegnet sind:

1. Willkürliche Schlussfolgerungen: ohne sichtbaren Beweis oder sogar trotz Gegenbeweisen werden willkürlich Schlussfolgerungen gezogen. Typischer Fall: Victim Blaming im Fall DSK: „Sie hat mit ihm geschlafen, um ihn hinterher zu verklagen“, „Ihr Freund ist im Gefängnis, also ist sie nicht glaubwürdig“. Würden solche Aussagen nicht unendlich variiert und reproduziert, sie würden Gelächter statt Zustimmung hervorrufen. Logik hilft.

2. Übergeneralisierung nach dem Muster: aufgrund eines Vorfalls wird eine allgemeine Regel aufgestellt, die unterschiedslos auf ähnliche und unähnliche Situationen angewendet wird. Typischer Fall: Sogenannter „Nice Guy“ denkt sich: „Eine Frau hat mich verschmäht, alle Frauen sind scheiße.“ Allgemeiner: „Ich habe das so erlebt/gedacht, also erleben/denken das alle so.“ Letzteres verhindert jegliches kohärentes Bild einer realen Gesellschaft. Kategorisierung und über Menschen reden ist selten angemessen, mit Menschen in den Dialog treten schon. Ihnen die Welt herrklären erachte ich nicht als solchen.

3. Dichotomes Denken: Denken in Alles oder Nichts-Kategorien. Typischer Fall: „Ich verstehe (Subtext: alle) Frauen; ich verstehe (ST: alle) Frauen einfach nicht.“ Allgemeiner: Freund-/Feind-Denken, Othering, „Entweder das Eine oder das Andere, dazwischen gibt es nichts“, „Wir sind die Guten“. Wer so denkt kann sich meist nur mit Gleichgesinnten verständigen; auch in Kreisen sehr verbreitet, die die (ST: andere) Gesellschaft kritisieren, von der sie sozialisationsbedingt Teil sind. Denken in miteinander kombinierbaren Wissensmodulen, die Netze bilden, hat sich in meinem Fall als besser erwiesen, als zu versuchen, alles in binäre Modelle zu quetschen. Das verständlich zu machen, werde ich woanders versuchen…

4. Personalisierung: Ereignisse werden ohne klaren Grund auf sich selbst bezogen, gerade in (Liebes-)Beziehungen von Belang: „Du kritisierst mein Verhalten, also liebst du mich nicht mehr“ ist oft ein effektives Mittel um von begründeter Kritik abzulenken. Die Liebe kann ja schließlich jeden Sexismus aushalten. *kotz* Hab den Trick zu oft selbst gebracht, um nicht einen Blogbeitrag darüber zu schreiben, dort das Problem von gewalttätigen Beziehungen zu sezieren und Verhaltensstrategien vorzuschlagen

5. Selektive Abstraktion: Einige Einzelinformationen werden verwendet und überbetont, um eine Situation zu interpretieren. Damit werden bestimmte Informationen auf Kosten anderer überbewertet. Typisch wiederum bei Victim Blaming und der derailing-Mechanismus: Im ersten Fall tritt die Frage nach der Verantwortung der Täter in den Hintergrund, indem die des Opfers sowie Details (Kleidung, Gegenwehr…) in den Vordergrund geschoben werden. Im zweiten Fall werden wahllos Sätze herausgepickt und darauf aufbauend Abstraktionen gesponnen, die nichts mit dem Ursprungsthema zu tun haben, oft Grundsatzdebatten geführt. Ich werde demnächst ein paar Trolle ausstellen und das Gegenmittel an ihnen demonstrieren.

6. Maximieren und Minimieren: Negative Ereignisse werden übertrieben und positive Ereignisse untertrieben. Typisch Masku: „Ich bin benachteiligt, weil ich nicht Erziehungsberechtigt bin, völlig egal, ob ich den besser bezahlten Job habe.“ First World Problems insgesamt. Macht Probleme anderer klein und die eigenen groß. „Harte“ und „weiche“ politische Themen werden so eingeteilt. Zuhören (auch das will gelernt sein) und Beschäftigung mit richtigen Problemen scheinen zu helfen.

6.1 Katastrophisieren: Das Eintreffen oder die Bedeutung von negativen Ereignissen wird stark überbewertet. Typisch: „Wenn gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wird, bedeutet das Sittenverfall und die Welt geht unter!“ oder „Die Männlichkeit ist in der Krise!“ Beliebt in Schlagzeilen und in politischen Kampagnen jeder Couleur. Problematisch, weil jede_r, der zur Gelassenheit mahnt, automatisch die „Katastrophe!“ in Kauf nimmt, ergo vollkommen wahnsinnig sein muss.

7. Emotionale Beweisführung: Das Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit der Gedanken genommen. Typischer Fall: „Ich fühle mich diskriminiert, also gibt es Klassismus/Rassismus/Sexismus gegen Reiche/Weiße/Männer.“ Entwertet die Aussagen der Betroffenen des gesamtgesellschaftlichen Problems, weil der*die Privilegierte die Dimension der einmaligen Beleidigung nicht mit wirklichem Rassismus in Verhältnis setzen kann. Mit Privilegiertengefühlen kann mann* aber umgehen: Was wäre ich schließlich für ein Mann*, wenn ich wegen sowas rumheulen würde? *logiklooping*

8. Etikettierung: Aus einer Handlung wird ein umfassender Sachverhalt gemacht. Typus selbsterklärter Freiheitskämpfer (aka „Experte“ für Freiheit): „Du möchtest, dass X nicht mehr geschieht, es verbieten, also bist du ein Feind der freiheitlich-demokratischen Grundordnung/Faschist.“ Angemessen wäre Diskussion über das Für und Wider der Freiheit, X zu tun, statt dem Gegner von X so den Mund zu verbieten. Und anzuerkennen, dass die „Freiheit“ zur gewalttätigen Grenzüberschreitung keinem Menschen gebührt, sondern Feldhamstern („Feldherren“ klingt zu imposant, um es nicht zu hamsterfizieren).

9. Gedankenlesen: Man(n*) meint ohne nachzufragen, die Gedanken der anderen zu kennen. Typisch: „Du bist Feministin, also denkst du, dass Hetensex böse ist“, „Du bist Kommunist, also willst du die DDR zurück“. So häufig, dass ich politischer (Selbst-)Bezeichnung zumindest kritisch gegenüberstehe und Diskussion über konkrete Agenda vorziehe. They‘re trying to read my mind *tinfoil hat*

10. Tunnelblick (selektive Aufmerksamkeit): Jemand sieht nur einen bestimmten Aspekt seines gegenwärtigen Lebens. „Sexismus und Rassismus sind Nebenwidersprüche/gehören der Vergangenheit an. Es gibt wichtigeres“, ist die typische Äußerung dessen. Der Tunnelblick selbst ist ein Privileg derjenigen, die nicht betroffen sind. Auch der Fokus auf gesellschaftspolitische Probleme kann aber als Tunnelblick gelesen werden, sofern er aus der gebildeten Mittelschicht heraus verlangt, dass die Unterdrückten* sich wehren/besser verhalten und dabei ihr unmittelbares Interesse und Begehren (Selbsterhalt?) ignoriert.

Im Sinne dieses letzten Punktes ist dieser Text selbst problematisierbar; ich sehe in meiner Sprechposition und Wahrnehmung von Privilegien, bzw. in ihrer Benennung als solche die Äußerung eines Klassenprivilegs – ist solch ein Text, solch eine gesellschaftskritische Positionierung ohne gymnasiale bis akademische Bildung überhaupt verständlich? Und was bedeutet es für Politik, für politische Theorie, wenn dem so ist? Dieser Gedankengang wird wohl in einen anderen Blogeintrag münden…

Zum Abschluss noch Erläuterungen: Ich habe die Beispiele für hegemoniale Denk- und Sprachmuster aus verschiedenen Teilen des politischen Spektrums gewählt, um zu verdeutlichen, dass Hegemonien nicht mal eben vor der Tür bleiben, wenn jemensch etwas gegen sie hat, sie leugnet, sie kritisch hinterfragt oder versucht, sie wegzudefinieren. Hegemonie äußert sich in konkreten Verhaltensweisen, immer und überall, und muss konkret bearbeitet werden. Zu dieser Arbeit möchte ich mit der obigen (möglicherweise optimierbaren und höchst diskutablen) Auflistung hegemonialer Denkmuster einen Ansatz liefern, um diese bei sich selbst zu bearbeiten. A hint: use it as a checklist. Vermutlich jede_r des Verständnisses dieses Texts fähige denkt in solchen Mustern oder hat es getan – wer sich trotz Privilegien nicht in mindestens einem Punkt wiedererkannt hat, sollte vermutlich stärker sich selbst beobachten oder ist im unwahrscheinlichsten aller Fälle Post-Hegemony. Glauben würde ich ihm*ihr Letzteres aber nicht.
Mit Extremismustheorie hat das Ganze nichts zu tun – das dahinter stehende Politikmodell ist komplexer als das Hufeisenförmchen, dessen sich Anhänger dieser Theorie in ihrem Sandkastenweltbild bedienen. *knirsch*
Auch ist das hier kein Pathologisierungsversuch im Sinne der Anti-Psychiatriebewegung. Nach deren Theorie bedürfte es einer gewalttätig durchsetzbaren Norm, während ich (hoffentlich ohne hegemoniale Gewalt) Verhaltensvorschläge mache, die ausdrücklich diskutiert werden sollten.
Zur besseren Benutzung habe ich die Zahlen angebracht, die kein Ausdruck von Hierarchisierung sind. Ich kann das. Ihr könnt sie benutzen. Wisstschon. Danke fürs Lesen, Erklärungen wie immer auf Anfrage. Kthxbye.

Können Männer* Feministen sein?

Nein, sie müssen. Die Alternative wäre Sexist zu sein.

So zumindest lautet meine spontane Antwort, bevor ich feststelle, dass ich niemandem etwas vorschreiben möchte, sondern lieber überzeugen. Ein vollkommen überzeugter, kritischer Verbündeter ist mir mehr wert als hundert Verbündete, die ich mit der Moralkeule unterworfen habe. Muss ich wohl die Frage von vorne aufrollen…Was bedeutet es also, in dieser Gesellschaft als „Mann“ klassifiziert zu sein und wie verträgt sich das mit Feminismus?

Diese Gesellschaft, also so ziemlich alles, was an Menschen so auf diesem Planeten herumkreucht, teilt sich üblicherweise gegenseitig in zwei Schubladen ein: Männer und Frauen. Wie es die Geschichte so wollte, hatte irgendwann die mit M beschriftete Schublade die Überhand und konnte alles, was nicht in die eigene Schublade passte, zurechtstutzen, wie es gerade Recht war. Hetencismänner durften anders Liebende als „Perverse“ abgestempelt hinrichten lassen, Frauen unter dem Label „hysterisch“ oder „zu emotional“ vom politischen und gesellschaftlichen Leben ausschließen und hatten somit eine nette, angenehme Atmosphäre für sich, aus der sich die Geschicke der Welt lenken ließen. Oder so in der Art. Dass das mit dem Lenken nicht immer so klappte wie geplant, ist bekannt. Angenehm war die Sphäre der Macht auch nicht immer, aber das tolerierte mann, um weiter die Bedeutung der Worte festlegen zu dürfen. Wenn sich 20 Männer darüber einig waren, dass „Frauen“ biologisch nicht zur hohen Kunst der Politik fähig wären, dann war das so. Ob das stimmte, interessierte keinen – immerhin hatten es die Experten so beschlossen.

Schnitt. Genug der Geschichten aus grauer Vorzeit, aka 19. Jahrhundert. Etwa 150 Jahre später.

Auf Frauen hören nun auch manchmal Männer, die Sphäre der Macht wird auch von Wesen bevölkert, die nicht unbedingt weiß und männlich sind. Allerdings sind sie dort noch immer in der Minderheit. An anderer Stelle suchen Experten nach dem genetischen Unterschied, der dieses Ungleichgewicht erzeugt und es werden Bestseller darüber geschrieben. Experten meinen, dass Feminismus keine Daseinsberechtigung hat und dass Feminismus Alice Schwarzer ist. Experten meinen, Frauen hätten Schwierigkeiten, kompetent aufzutreten und wissen, was Kompetenz ist. Experten meinen, Frauen neigten zu Emotionalität und Männer zur Ratio wegen der Hormone und wissen, dass sie selbst das rational entschieden haben.

Männer* sind Experten für Frauen im Allgemeinen und insbesondere für Feminismus. Für alles übrige auch, sollte sich nicht ein männlicher Experte mit mehr Expertise finden. Und aus irgendeinem Grunde hält das kaum jemand für problematisch. Ich kann mich allerdings des Gefühls nicht erwehren, dass eine Gesellschaft, wo bestimmte Menschen Experten by default sind, ein Problem hat. Hiermit benenne ich es als männliche Hegemonie und strukturellen Sexismus. Die Bewegung, die solches bekämpft, wird Feminismus genannt.

Die Gesellschaft (aka Wir) bevorzugt also, wie es diese satirisch leicht verkürzte historische Einordnung zeigt, Menschen, die sie als Männer anerkennt. Wie das funktioniert und warum es keine Männer sind, hebe ich mir für spätere Posts auf. Flames, dass ich das nicht begründen würde, kann sich der geneigte Leser also sparen. Hier wird es als wahr vorausgesetzt und Kommentare, die das anzweifeln, werden je nach Laune kommentarlos oder mit beleidigendem Reply ins Nirvana befördert. Die hier wichtige Frage lautet: Welche Schlüsse sollte mann aus diesem Status Quo für sich ziehen?

Dass Männer* ohne weitere Grundlage als ihr Geschlecht für Experten in Sachen Gott, Welt und Frauen gehalten werden, mag als Mann vorteilhaft und gelegentlich ganz nett sein, aber ich schätze, dass jedem Menschen, dem Ethik ein Begriff ist, auffällt, dass da ein gewisser Widerspruch zum gemeinhin anerkannten Grundsatz der Gleichbehandlung besteht, unter dem ich verstehe, dass jeder Person erst einmal ein ähnliches Maß an Respekt entgegengebracht wird. Unter der Voraussetzung, dass diese angestrebt wird, weil eine Ungleichbehandlung als ungerecht angesehen wird, ist mann also mehr oder weniger motiviert, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Das ist die ethische Abwägung, die meiner anti-sexistischen, anti-hegemonialen, feministischen Überzeugung zu Grunde liegt. Wenn es andere Begründungsmuster gibt, würde mich das interessieren, Kommentare also erwünscht.

Das „Ob“ männlichen feministischen Engagements erachte ich damit als ausreichend begründet, um nun zum „Wie“ zu kommen. Dass es in gewisser Weise schwierig werden kann, gegen den eigenen unbegründeten Expertenstatus vorzugehen, indem man als „Experte“ darüber schreibt und spricht, ist mehr oder weniger evident. Ein weiteres Problem ist, dass die Zuschreibung der Expertise oft unbewusst geschieht, es somit einiges an dem erfordert, was in der Psychologie Introspektionsfähigkeit genannt wird und was ich hier mal eben als Fähigkeit, sich beim Sprechen selbst zu beobachten, übersetze. Mehr zur psychologischen Funktionsweise männlicher Privilegien (denn darum handelt es sich bei besagtem Expertenstatus) in einem anderen Post.

Das Privileg der unbegründeten Expertise führt dazu, dass in sozialen Kontexten, wo nicht jeder dieses Privileg besitzt, Männer* ein Ungleichgewicht erzeugen. Sie können Unprivilegierte einfacher niederdiskutieren, sich mehr Ausrutscher leisten, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren und mehr Redezeit beanspruchen, da sie als kompetenter wahrgenommen werden. Diese Liste lässt sich fortführen und ist einer der Gründe dafür, dass Männer* in gemischten feministischen Gruppen tendenziell als Gefahr gesehen werden können und um dem Problem auszuweichen, ausgeschlossen werden. Außerdem fehlt Männern* oft Wissen bezüglich Feminismus, was Zeit für Erklärungen erfordert, die anders besser genutzt wäre. Infolgedessen fühlen sich vermutlich viele Männer* unwillkommen und schrecken vor feministischem Engagement zurück, obwohl gerade sie es nötig hätten, ihre „Expertise“ zu hinterfragen.

Die unbewusste Komponente des Privilegs wird auch dadurch zum Problem, dass sie zu Abwehrreaktionen gegenüber und Abwertung von Positionen Nicht-Privilegierter führt. Ein „Experte“ lässt sich von Nicht-Experten vermutlich nur selten überzeugen, seine Privilegien zu hinterfragen, was es für Vertreterinnen* feministischer Positionen möglicherweise erschwert, Männer* zu diesem Schritt zu bewegen. Ein Problem insofern, als die Auseinandersetzung mit dem Privileg diese bereits im Vorhinein erfordert. Dort könnten feministische Männer* intervenieren, indem sie Vorarbeit als „Experten“ an „Experten“ leisten. Da allerdings die Verteidigung feministischer Positionen gerne „verweiblicht“ wird („Frauenversteher“, „zu kleiner Schwanz“, etc.), ist fraglich, ob dieser Effekt tatsächlich möglich ist. Andererseits könnte das Eintreten von Männern* für Feminismus auch im Gegenteil diesen in den Augen der Privilegierten „aufwerten“. Ich bin mir nicht sicher, ob das wünschenswert wäre, aber stelle es trotzdem mal zur Diskussion.

Ein weiterer Vorteil, den feministische Männer* haben, ist, dass sie nicht in dem Maße von sexistischer Unterdrückung betroffen sind. Daraus ließe sich ableiten, dass sie von sexistischen Äußerungen weniger getriggert werden, als Feministinnen* und somit in potenziell triggernden Gemengelagen mit geringerem Risiko für die eigene Psyche agieren könnten. Beispielsweise wäre hier therapeutische Arbeit mit den Tätern sexualisierter Übergriffe anzubringen, nachdem für die Betroffenen ein Schutzraum hergestellt wurde.

Falls die letzten Absätze nicht ganz klar sind: Es sind einige Voraussetzungen aus der feministischen Theorie darin, zu denen ich auf Anfrage noch Erklärungen, bzw. Blogposts verfassen kann. Also: Don‘t flame, don‘t klugscheiß, ask first.

Nochmal zum Abschluss dieses, zugegeben etwas langen, Posts die Zusammenfassung: Ich halte feministisches Engagement von Männern* nicht nur für berechtigt, sondern für äußerst wünschenswert.
Die Aufgabenfelder der Wahl wären vorerst:
- Psychologische Arbeit am Privileg: Erkennen privilegierten Verhaltens, Einüben und Entwickeln von nicht-privilegierten Verhaltensweisen, Introspektionstraining
- Anhand dieser Arbeit möglicherweise Erkenntnisgewinn bezüglich Männlichkeiten* und Privilegien, bewusstes Enwickeln neuer Männlichkeiten
- Täterarbeit nach sexualisierten Übergriffen, die wegen subjektiv schwächerer Trigger Männern* leichter fällt, Diskussionen nach Kickbans (RL sowie Web), Trolljagd
- Überzeugungsarbeit bei Privilegierten, der ich allerdings gespalten gegenüberstehe, da die Effekte auch kontraproduktiv sein könnten

Ne Ergänzung: Hegemoniale Männlichkeit ist höchstwahrscheinlich bis tief hinein in die Sexualität wirkmächtig, das Private ist somit politisch und erfordert einen Dialog. Da ich allerdings niemanden zu Post-Privacy-Experimenten bewegen möchte, die Schaden an Ego und Psyche hinterlassen könnten, und ich nicht meine, dass das übliche Beziehungsgeflecht eines jeden diese Probleme stemmen könnte, fordere ich auch Männer*-Schutzräume jenseits der Anonymität des Internets. Let’s talk about sex, love & friendship, guys! :)

Frohe Diskussion, wenn ich hier keinen (tl;dr)-Effekt erzeugt habe…

Initialisiere Queering-Sequenz…

Eigentlich sollte dieses Blog ja schon am Samstag, pünktlich zum internationalen Männertag, an den Start gehen, aber wie es die Prokrastination so wollte, lackierte ich mir dann doch die Fingernägel. Glitzernd türkis, für diejenigen, die es interessiert. Aber zur Sache…
Einleitende Worte, die ein wenig schwer zu finden sind, sind ja bekanntlich nicht ganz leicht zu finden. Die ebenso unlogische wie konventionelle Vorgehensweise ist dann wohl das Vorgehen nach Schema F bzw. 5W:

Wer schreibt da? *klopfklopf*

Ich. Ein detaillierterer Post wird in Kürze folgen, hier nur stark vereinfacht so viel: Meist als männlich gelesen, weiß, Mittelschicht, bi. Privilegienpenis also, obwohl genitale Reduktion wahrscheinlich eher ungut ist und nach Zigarrenqualm stinkt, der wirklich nur von einer Zigarre stammt.
Ebenfalls erwähnenswert:
@antjeschrupp, deren Blog mich dazu befähigte, Differenz zu denken.
@lantzschi, deren Linkflut mir Bewusstsein für Privilegien ins Hirn spülte und die schrieb, dass nie alles geschrieben sei.
@grandhotelabsturz, der das Design zu verschulden hat.
Danke nochmal!

Was soll das werden?

So ne Art Blog, wie’s scheint. Zum Thema werden hiermit erklärt die Männlichkeiten aus feministischer und männlicher Perspektive, zum Ziele wird gesetzt das Konstruieren neuer, feministisch-männlicher Hybrid-Identitäten mit niedrigerem Schadstoffausstoß als die der üblichen Mackeria. Ohne Pathos und eher der Konvention gerecht: Hegemoniale Männlichkeit dekonstruieren, männliche Identität queeren. Warum ich das für nötig halte, in einem Folgepost…

Wo und Wann?

Zwischen Berlin und Internet. Jetzt.

Warum son Quatsch?
Weil ich es kann. Hoffe ich. Nach nem guten Jahr als Mitleser fühle ich mich zumindest so weit feministisch eingearbeitet, dass die Skrupel wegen zu vieler Privilegien ein wenig verblassen. Außerdem wurden von diverser Stelle positive Impulse empfangen, die mich zu diesem und jenem Thema mich mir selbst Kompetenz und Wichtigkeit vorgaukeln ließen. Wir werden sehen. Die Begründung des Namens: Aneignung (Yoink!). Ich fühlte mich von diesem Wort angezogen wie eine Elster, gleichzeitig aber zutiefst abgestoßen von maskulistischen Männlichkeitsbildern. Diesen antagonistischen Kräften ausgesetzt zerbrach das Wort und ich zimmerte es notgedrungen mit einem Unterstrich zusammen, der mich an irgendetwas erinnert… was war das bloß? Egal, vielleicht fällt’s mir ja später noch ein…

Wie soll das klappen?

Zuerst einmal mit Ehrlichkeit und Offenheit, die höchstwahrscheinlich über das allgemein akzeptierte und für mich intelligente Niveau hinausgeht. Aber das Private ist politisch und nur wenn wir darüber reden, können wir Alternativen zu den hässlichen Rollenbildern aus Film und youporn entwickeln. Und wenn ich mir so ansehe, was Frauen* und Feministinnen* so zu hören und verdaut kriegen, wird mir das bisschen Angriffsfläche, das ich durch Seelenstriptease abgebe, wohl mehr zu Wachstum als zu Siechtum verhelfen.

Zweitens: Moderation. Ich halte Retraumatisierung zufällig Vorbeilesender durch Hate-Speech nicht für die feine englische Art, ergo schlägt’s für jeden solchen Post 5 o‘clock, ich werde zum mad hatter und wir werden die Frage nach Rabe und Schreibtisch endgültig stellen.
Evolutionsbiologie diskutiere ich erst, wenn mir jemand aus der Vererbungslehre heraus die Regel Nr. 34 des Internets erklärt. Erst restlose Erklärung dieses Phänomens würde ausschließen, dass es sich bei Sexualität und Geschlecht um kulturelle Konstruktionen handelt.
Ansonsten: Das übliche, das uns vom generischen Schäufelchendieb im Sandkasten unterscheidet. Solltet ihr damit noch unverarbeitete Traumata verbinden, rate ich dringend, eine_n Therapeut_In aufzusuchen.

Drittens: Die Methodik ist fünfgängig Unterwegs:
- Grundlegendes, Basiswissen und eingängige Metaphorik werden in der Rubrik „Be- und Abgründiges“ geführt
- Männlichkeiten, die mir vor den Kopf stoßen, landen nach dem Fang und humaner Tötung auf dem Seziertisch in der Abteilung „Dissektion“, wo sie fachgerecht in Einzelteile zerlegt und untersucht werden. Dekonstruktion erschien mir bei dieser primär organischen Materie eher unangebracht.
- Im Freiraum der „Hypothetik“ werden freischwebende Thesen steil aufsteigen und wieder zu Fall gebracht, sollten sie nicht durch ausreichend andere Wahrnehmungen und Erfahrungen gestützt werden. Nur durch Diskussion gefestigtes verlässt dieses Crashtestlabor.
- Die „Transgression“ dient dazu, Grenzen bestehender Männlichkeit und Geschlechtlichkeit auszuloten und zu überschreiten. Die Ahnen aus grauer Vorzeit sprachen von Queering. Möglicherweise wird audiovisuelles Material aus der Feldforschung von außerhalb des World Wide Web zur Verfügung gestellt werden.
- Wenn alle Vernunft und Verspieltheit scheitern, wenn Hass und Zerstörungswut obsiegen, wenn Hegemonie und Sexismus mal wieder so richtig auf die Gonaden gehen und ranten einfach nicht mehr ausreicht, dann bleibt nur noch eins: „Zubeißen. Fest.“ Mal sehen, ob es die Hegemonie mehr schmerzt, wenn männliche „Männerhasser“ beißen.

Damit wären die wichtigsten Fragen geklärt. Richtig los geht’s dann wohl ab Freitag…